1990: Presseartikel Jahreshauptversammlung Zehnjähriges

Nach zehn Jahren hat sich das Konzept gewandelt

Die Glocke,
21. Dezember 1990

Rietberg. Zum ersten Mal wurde die Jahreshauptversammlung der Deutsch-Türkischen Kontaktgruppe von türkischen Mitgliedern geleitet. Während der Feierlichkeiten zum zehnjährigen Jubiläum im September hatte die Vorsitzende Heidi Schrön den Wunsch geäußert, dass sich die türkischen Familien stärker an der Planung der Vereinsaktivitäten beteiligen. Die Ehepaare Tümay, Mayadali und Erdem organisierten daraufhin die Versammlung mit einem türkischen Essen, knappen Redebeiträgen und einem vollen Haus in der Südtorschule.

Satzungsgemäß war noch kein neuer Vorstand zu wählen, und so blieb viel Zeit für Gespräche bei schmackhaftem Rindfleischauflauf, Hähnchen, Cacık und Raki. In ihrem Tätigkeitsbericht blickten Erdal Erdem auf Türkisch und Mehmet Tümay auf Deutsch auf ein ereignisreiches Jahr zurück.

Hatte die Arbeit im Sommer 1989 während des Umzugs in die Südtorschule zunächst notgedrungen brachgelegen, profitierte sie seitdem von den gemütlichen Räumlichkeiten. So waren nicht nur Aktivitäten außerhalb möglich, wie das erste internationale Fest, sondern auch Ausstellungen wie „Türken in unserer Stadt“ und „Zehn Jahre Deutsch-Türkische Kontaktgruppe“, das hervorragende „Knobi-Bonbon“, Kabarett und eine Autorenlesung mit Fakir Baykurt im Jugend-Café.

Ein wöchentlicher Frauenabend fand reges Interesse und wurde in den letzten Monaten durch einen Frauen-Schwimmkurs mit Beate Schrewe abgelöst. Else Will leitete wieder den beliebten Nähkurs für türkische Mädchen.

Mit der geänderten Rolle der Türken in Rietberg, die inzwischen schon rund 15 Jahre hier leben, hat sich auch das Konzept der Gruppe gewandelt. Weiterhin waren Feste und Fahrten wichtig, wie zur Tulpenblüte nach Holland oder zum Nürnberger Christkindlesmarkt; sie wurden vorwiegend von den türkischen Familien angenommen. Hinzugekommen sind anspruchsvolle kulturelle Veranstaltungen wie Kabarett und Autorenlesungen sowie politische und ökologische Themen. So galten Infoabende dem häuslichen Umweltschutz mit Gerd Muhle oder den unterschiedlichen Modellen kommunaler Ausländermitwirkung mit Rolf D. Haug. Auch die SPD-Bundestagskandidatin Katrin Fuchs informierte sich im Oktober über die Anliegen der Gruppe.

Diese Arbeit ist durchaus noch nicht abgeschlossen. Erdal Erdem kritisierte die Verschlechterungen des Ausländerrechts ab dem 1. Januar 1991 und rief dazu auf, gemeinsam für die Rechte der Ausländer einzutreten. Er dankte schließlich Heidi Schrön für ihren „energischen Einsatz“ in den vergangenen zehn Jahren und gab unter dem Beifall der Mitglieder der Hoffnung Ausdruck, dass sie „noch einmal zehn Jahre für unsere gemeinsame Sache arbeiten“ werde. Er überreichte ihr einen Koran in deutscher Sprache und eine prächtige Blumenschale.

Heidi Schrön ihrerseits versäumte nicht, allen „Zehnjährigen“ zu danken. Es sei nicht selbstverständlich, dass von den Gründungsmitgliedern noch so viele aktiv dabei seien. Mit einem Bildband bedankte sie sich bei Mehmet Tümay, Anter Mayadali und Erdal Erdem, ihrer Stellvertreterin Ursula Mitchell und den Kursleiterinnen Beate Schrewe und Else Will. Der Kassenbericht von Martin Hillemeyer und Anter Mayadali zeigte solide, wenn auch knappe Finanzen.

In der Aussprache regte Werner Bohnenkamp eine verstärkte Mitgliederwerbung, besonders unter den Deutschen, an. Heidi Schrön verdeutlichte, dass gerade in den letzten Monaten ein erfreulicher Zuwachs zu verzeichnen war, wenn auch vorwiegend unter türkischen Familien. Die Aus- und Übersiedler-Problematik habe offensichtlich das Interesse an Ausländern auch in Rietberg reduziert. Dennoch wurde von deutschen Mitgliedern der Wunsch nach einem erneuten Türkischkurs geäußert. Auf Antrag von Jeff Mitchell wurde dem Vorstand einstimmig empfohlen, den bescheidenen Beitrag „aus der Gründerzeit“ der zwischenzeitlichen Teuerung anzupassen.

Im Ausblick auf die nächsten Veranstaltungen informierte Mehmet Tümay auf Türkisch über das Bauprogramm in Rietberg und riet dazu, sich in die Wartelisten für Baugrundstücke bei der Stadt einzutragen. Der nächste Infoabend im Januar gilt dem Thema Bauen, seinen rechtlichen und finanziellen Bedingungen. Eine weitere Dichterlesung und ein „Südtorfest“ sind darüber hinaus für 1991 bereits eingeplant.

Organisierten die Jahresversammlung der Deutsch-Türkischen Kontaktgruppe: von links U. Mitchell, B. Schrewe, M. Tümay, E. Erdem. Hinten E. Will, A. Mayadali und H. Schrön.

Im Westfalen-Blatt wurde der Artikel ebenfalls veröffentlicht, auch ihn stellen wir euch gerne hier bereit.

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